Der Minimalismustrend – gesund oder schon pedantisch?

Er boomt, der Minimalismus. Zumindest in unserer Gesellschaft. Nichts haben ist ‚in‘, viel haben kein Gewinn. So scheint das Motto zu lauten. Eigentlich eine gesunde Entwicklung, oder nicht? Wir befreien uns von Ballast, konzentrieren uns auf das Wesentliche und sparen obendrein Geld. So der Ansatz.

Leider wird der Ansatz gerne übertrieben, bis in den Pedantismus. Die neue Welle des Minimalismus treibt mitunter absonderliche Blüten. Blüten, die dann gar nicht mehr schön aussehen, sondern merkwürdig konstruiert, oder beschnitten. Anhänger des Minimalismus treten in Wettstreit miteinander. Wer schafft es schneller, sich von 100 Dingen zu trennen..? Immer wieder stellt man sich gegenseitig Aufgaben, die man erfüllen muss, z.B. übers Wochenende müssen 30 Dinge aus der Küche verschwinden. Tatsache ist: Das artet in Stress aus. Die Dinge sollen auch nicht einfach weggeschmissen werden, sondern sinnvoll entsorgt: Verkauft, verschenkt oder gespendet. Gar nicht so einfach. Nicht jeder kann den Plunder gebrauchen. Zumindest nicht so schnell. Das Entsorgen der 30 Gegenstände beschäftigt also das ganze Wochenende, das man doch zur Erholung gebraucht hätte. Die Belohnung dafür ist aber das Gefühl, etwas geschafft zu haben und das immer wieder neu. Denn es gibt ja noch viele Gegenstände im Haushalt, derer man sich per Wettstreit entledigen kann.

Die Anhänger des modernen Minimalismus wollen so gut wie gar nichts mehr horten. Alles muss weg. Schrauben, die man übrig hat vom Regalbau? Weg damit. Bestecke für Gäste? Weg damit. Vorräte an Lebensmitteln – nur ganz wenig. Der Minimalist kauft gerne, wenn er braucht, Vorräte sind uncool und lenken vom Wesentlichen ab. Da stören sogar 5 übriggebliebene Schräubchen vom Regalbau.

Zu viel Ballast um uns herum

Keine Frage, die meisten von uns sammeln über die Jahre hinweg scheinbar überflüssige Gegenstände um sich herum. Manche Personen haben das Gefühl, sie besitzen nicht die Gegenstände, sondern die Gegenstände besitzen sie. Wer sich von Dingen aus der Vergangenheit trennt, erlebt durchaus ein  Gefühl der Verjüngung. Man fühlt sich wieder wie als Kind, Teenager oder junger Erwachsener, als man noch kaum etwas besaß. Das Lebensgefühl, einfach von heute auf morgen losziehen zu können, weil man seinen Besitz in einen Rucksack packen könnte, ist für viele Zeitgenossen sehr verführerisch. Wir alle haben in uns diesen Freiheitsgedanken – und vor allem wollen wir meistens aus unseren gesellschaftlichen und sozialen Verpflichtungen ausbrechen. Der Minimalismus unterstützt diesen Freiheitsgedanken. Aber machen wir uns da nichts vor? Wollen wir wirklich von heute auf morgen losziehen, alles hinter uns lassen und alle Zelte abbrechen? Was wäre dann? Diese Frage muss man sich auch ehrlich stellen. Ist es denn in anderen Ländern so viel besser als hier – gibt es dort keine Probleme.. Meist träumen wir davon unsere Probleme hier loszulassen und woanders erwarten uns neue  und Nöte, von denen wir noch nicht mal geträumt haben. Aber dieses nur am Rande..

Der Ballast um uns herum kann uns ganz schön gefangen halten. Klar. Entrümpeln, sortieren, sich von Belanglosem trennen, das macht immer Sinn! Nur, im Normalfall tut man das eben hin und wieder. Immer dann, wenn man einen ‚Koller‘ bekommt. Manche Menschen bekommen diesen ‚Koller‘ leider nicht mehr und werden zu Messies, die einfach alles sammeln, auch Müll. Das ist natürlich auch kein erstrebenswerter Zustand.. Was ist also mit dem Ballast um uns herum? Sind wir mal ehrlich: Den meisten Ballast schleppt unsere Seele mit sich herum und die Gegenstände drücken dies nur aus.

Wir knüpfen mehr oder weniger wertvolle Erinnerungen an bestimmte Gegenstände und das macht ihren persönlichen Wert aus. Verknüpfen viele Menschen mit einem Gegenstand angenehme Erinnerungen, bekommt ein scheinbar belangsloser Gegenstand, wie ein Plastikspielzeug plötzlich einen großen materiellen Wert. Wer über Jahrzehnte sein altes Spielzeug aufgehoben hat, kann dann auf einmal über ebay die Figürchen, Autos und Puppen teuer verkaufen. Wir horten also nicht nur alten Plunder, sondern manchmal auch Dinge, die tatsächlich noch einen unschätzbaren Wert haben. Kein Grund natürlich, alles aufzuheben, wie es Messies tun. Sortieren ist halt die Kunst. Eine Kunst, die man beherrschen muss und für die man Zeit haben muss.

Sortieren ist anstrengend

Sortieren und ausmisten ist vor allem psychisch anstrengend. Da die Gegenstände immer irgendwelche Emotionen auslösen, ist das für manche Menschen harte Arbeit. Auch und vor allem harte Entscheidungsarbeit. Der Minimalist ist da nicht zimperlich und so schmeißt er sicher Dinge weg, die er später durchaus noch mal brauchen könnte.
Sortieren kostet aber auch Zeit, die man nicht immer hat. Daher wartet man, bis der nächste ‚Koller‘ kommt. Dann geht es meist recht flott und man hat wieder Platz um sich rum. So lange will der Minimalist aber nicht warten. Er liebt leere Wände, Zimmer, Tische. Er muss also tagtäglich sortieren und entscheiden, was wiederum zeitaufwendig und ebenfalls anstrengend ist.

So kann sich der moderne Minimalismus durchaus auch zum Pedantismus entwickeln. Denn natürlich hat der Minimalist auch den Ehrgeiz möglichst wenig Dinge zu besitzen. Hier liegt das Problem: Der Minimalismus lässt einen nicht in Ruhe. Denn man muss laufend Entscheidungen treffen: „Brauche ich das wirklich?“ Oft kann man das im Augenblick gar nicht für einen längeren Zeitraum beantworten und so entscheidet man lieber für die Gegenwart. So häuft der Minimalist möglichst keinen Besitz an.

Leere Wände, klare Strukturen

Ohne Zweifel: Leere Wände sind für unsere Psyche hin und wieder recht erholsam anzuschauen, aber die meisten haben schnell genug davon, weil dies auch depressiv stimmen kann. Man denke nur daran, wie die meisten Krankenhäuser und Arztpraxen eingerichtet sind – Minimalismus pur! Wir alle mögen leere, karge Räume im Museum oder in stylischen Wartesälen oder Hotel-Lobbys. Der Knackpunkt aber ist: Dort befinden sich interessante Exponate oder toll designte Möbelstücke, die den Betrachter in den Bann ziehen. Die Leere dient nur dazu, den Fokus auf bestimmte Gegenstände oder Kunst zu richten. Im Eigenheim aber ist dieser Effekt nicht vorhanden. Also muss der Minimalist zusehen, dass er sich schöne Möbel und Gegenstände kauft, denn sonst wirkt die Leere ärmlich und trist. Damit ist wieder Aufwand verbunden. Welcher Stuhl, welcher Tisch ist so außergewöhnlich, dass er wie ein künstlerisches Exponat im Mittelpunkt stehen kann? Achtet man gar nicht auf die Ästhetik  wirkt die minimalistische Einrichtung einfach traurig und karg. Besonders in Kinderzimmern sollte man diesen Trend nicht walten lassen. Kinder lieben bunte Bilder, farbige Möbel und ein fröhliches Durcheinander. Sie brauchen das auch als Anregung und für die Entwicklung ihrer Sinne: Verschiedene Farben, Formen und Materialien sind wichtig für Kinder.

Wir Erwachsenen brauchen ja auch nur den Minimalismus, weil wir von allem schon zu viel hatten. Wir sind reizüberflutet. Wir besaßen schon zu viele Gegenstände. Die Wohnungen sind vollgestopft. Der Schreibtisch quillt über vor Papier, Stiften, wichtigen und unwichtigen Utensilien. Tabula Rasa zu machen scheint dann auf einmal die Lösung für alles zu sein.

Doch machen wir uns da nicht etwas vor? Der Ärger über die äußere Unruhe, die vielen Gegenstände kommt doch aus unserem Inneren. Weil wir innerlich nicht sortiert sind, Altlasten mit uns herumschleppen, sammelt sich zu viel um uns herum an, was uns stört. Alles zu entsorgen ist dann eher eine Verzweiflungstat. Eine Notbremse. Wir meinen, wenn wir es schaffen, alle Gegenstände abzuschaffen, haben wir sie endlich – unsere innere Ruhe. Dies gelingt auch vorübergehend. Weil die neue Umgebung den Geist, die Psyche eine Zeitlang beschäftigt, ja, verwirrt. Aber dann kommen die alten Geschichten eh wieder auf. Und man braucht neue Veränderungen, um sie zu betäuben.

Minimalismus in Kunst, Design und Mode – großartig

Der Minimalismus ist eigentlich eine Stilrichtung der Kunst, der Architektur, des Designs. Dort gehört er auch hin. Dort ist er großartig. Warum? Weil er den Blick auf bestimmte Formen, Oberflächen und Materialien lenkt. Es sind dann aber immer auch besondere Materialien. In der Mode sind es Seide, Leder, Leinen. Stoffe, die pur, natürlich und von edler Beschaffenheit sind. Im Möbel-Design sind es klare Linien und ebenfalls hochwertiges Material wie edles Holz. Auch hier verweilt das Auge gerne auf den geschwungenen oder ganz geraden Linien. Das selbe gilt für die Architektur. Aber das alltägliche Leben ist keine Kunstform. Man kann es dazu machen, aber das ist dann wieder etwas, was sich nur die Überflussgesellschaft leisten kann.

Die Natur blüht in verschwenderischer Pracht

Es ist gerade Mai und die Natur blüht in verschwenderischer Pracht. Kaum ein Busch, kaum ein Strauch zeigt sich zurückhaltend dezent, minimalistisch. Vielfältige Farben und Formen können wir bewundern. Der Flieder zeigt sich in hell- und dunkellila oder in seinem typischen Weiß. Dabei verströmt er noch betörende Düfte, wie wir sie von keinem Parfum kennen. Ist die Natur minimalistisch? In keinster Weise. Natürlich – in der Wüste und im ewigen Eis, wo es uns Menschen auch von Zeit zu Zeit hinzieht. Aber im allgemeinen kennt die Natur keine Zurückhaltung und bedeckt die Erde mit überwältigender Fülle.

Sind wir Menschen in der Natur, brauchen wir auch keine leeren Wände, um zur Ruhe zu kommen. Daran können wir uns orientieren.

Minimalismus – ein Trend der Überflussgesellschaft

Natürlich ist das ‚Problem‘, zu viel zu haben, kein echtes Problem. Es ist ein Luxusproblem. Genau deswegen sollten wir nicht zu viel Aufhebens um das Sortieren, Trennen von nützlich oder nicht und die Entscheidungen machen. Ein Großteil der Weltbevölkerung hat nichts an Eigentum und an Nahrung. Nur wer von allem schon zu viel hatte, den stört irgendwann sein Besitz. Der Bedürftige freut sich über jedes Schräubchen, der ‚Reiche‘ fühlt den Überdruss. Auch, weil er sich jederzeit die Schräubchen kaufen kann. Ingesamt sollte der Minimalismus nicht übertrieben werden. Nicht zum Selbstzweck werden. Wenn er zur Lebensaufgabe wird, jeden Tag bestimmt, weil man dauernd Entscheidungen treffen muss und Wettbewerbe mitmachen möchte, ist das Ziel, sich auf die wesentlichen Dinge im Leben zu besinnen, verfehlt. Mit einem Mal lenkt man nämlich seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf die bestehenden Dinge, sondern auf die fehlenden. Die ‚fehlenden‘ Dinge in einer Wohnung werden dann zum Gedankeninhalt. Man konzentriert sich so sehr auf das Weglassen, dass man wieder den Moment, das Wesentliche im Leben und vor allem den Blick auf die anderen Menschen verpasst.

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