Freud und Leid eines Kritikers

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Boah, das ist ja ein absoluter Traumjob! Das dürfte wohl die häufigste Reaktion sein, wenn ein Schreiber erzählt, dass er zumindest einen Teil seines Geldes dadurch verdient, dass er Bücher, Filme, CDs oder Konzerte bespricht. Gefolgt von einem: Du kriegst alle Neuerscheinungen automatisch, kommst überall umsonst rein und kriegst sogar Geld dafür. Oder: Du kannst jeden gnadenlos verreißen, wenn dir danach ist.

Das mag vielleicht für Fanzines zutreffen, für die man einst geschrieben – oder in jugendlichem Größenwahn – selbst herausgegeben hat, wird aber dem Alltag eines Rezensionisten in keinster Weise gerecht. Ich selbst bespreche nach wie vor sehr gerne Bücher, Filme und Musik, sehe das aber mittlerweile eher als bezahltes Hobby denn als ernsthaften Versuch, mein Geld damit zu verdienen. Wirtschaftliche Aspekte spielen dabei natürlich eine Rolle. Denn kaum ein Medium kann es sich leisten, den Aufwand, der für eine objektive und fundierte Rezension notwendig ist, auch wirklich zu bezahlen. Ein für mich wichtigerer Aspekt: In den meisten Fällen geben die Produzenten, also Verlage, Plattenlabels und Filmverleihe vor, was besprochen werden soll. Wenn sie sich im jeweiligen Medium werbetechnisch engagieren, geben sie vielfach auch den Tenor der Rezension vor. Letzteres will ich nicht, weshalb ich Rezensionen nur noch für Portale und Medien mache, die mir bis zu einem gewissen Grad aus persönlichen Gründen am Herzen liegen und wo ich ein gewisses Mitspracherecht bezüglich der zu besprechenden Titel habe.

Wenn das Grauen zupackt

Wer an den Job mit der eingangs geschilderten naiven Euphorie herangeht, wird mit Sicherheit schneller auf den Boden der Tatsachen geholt, als ihm lieb ist. Schlechte Bands in fünftklassigen Veranstaltungshallen sind wohl die harmloseste Erfahrung, die man machen kann. Und genau hier, ist alles, was man machen kann, komplett falsch: Wird die Band öffentlich zerrissen, dauert es nicht allzu lange, bis die erste Androhung von Schlägen durch Roadies oder Kumpels der Musiker kommt. Wird das ganze Fiasko hingegen positiv dargestellt, meldet sich mit Sicherheit ein enttäuschter Zuschauer, der dem Rezensenten erklärt, er sei völlig inkompetent, habe keine Ahnung und überhaupt…

Noch schlimmer sind Promotion-Aktionen wie damals jene Präsentation von DJ Bobo. Der kleine DJ aus der Schweiz hatte es geschafft, eine nette Dancefloor-Nummer europaweit in die Charts zu bringen, weshalb sich die Plattenfirma bemüßigt sah, ein komplettes Album werbewirksam zu veröffentlichen. Dummerweise (für die Journalisten) fand diese Präsentation im Rahmen einer Donauschifffahrt statt. Nachdem zwei Stunden lang drei Songs in Dauerschleife gelaufen waren und noch immer keine Anlegestelle in Sicht und nicht genügend Alkohol an Bord war… aber lassen wir das.

Oder Bücher, die Hunderte von Seiten dick sind, bei welchen spätestens nach einem Drittel klar wird, dass der Autor wohl einen Teil der Druckauflage finanziert hat. Oder mit dem Verleger bekumpelt ist. Oder…, keine Ahnung, warum Dinge, die auf Klopapier besser aufgehoben wären, zu einem Buch verarbeitet werden.

Die schönen Momente

Aber natürlich gibt es auch schöne Momente im Leben eines Rezensenten. Freikarten und Bücher, Platten, CDs, DVDs, die verschenkt werden können, sind eher nur ein gern genommenes Beiwerk. Man erlebt auch tatsächlich Augenblicke, die einem wohl bis ans Lebensende in Erinnerung bleiben, weil sie einfach einmalig und unvergleichlich sind. Bei mir waren das einige Reaktionen von Autoren, die sich tatsächlich darüber gefreut haben, dass sich jemand wirklich die Mühe macht, sich in die Geschichte hineinzufühlen und Schwächen aufzeigt, die er auch argumentieren kann. Oder das Privatkonzert des österreichischen Liedermachers Ludwig Hirsch: Nachdem in einer Halle mit 8.000 Plätzen nur vier Besucher im Raum waren, hatten allenfalls zwei Gäste für das Konzert gezahlt. Statt zu zicken hat er sein Programm so durchgezogen, als spiele er vor einem vollen Haus. Das war einer der Konzertabende, die mich wirklich und nachhaltig beeindruckt haben.

Würde ich es trotzdem wieder machen?

Trotz der negativen Erlebnisse und qualitativ schlechten Werken, deren Anteil im Zuge der günstigen Self-Publishing-Möglichkeiten eher zunehmen dürfte, möchte ich die gemachten Erfahrungen nicht missen und würde mich wohl auch wieder für diesen Weg entscheiden. Denn allein dadurch, dass ich mich mit der Arbeits- und Denkweise anderer Künstler beschäftige, habe ich die Gelegenheit, mich persönlich weiterzuentwickeln. Und nicht zuletzt ergibt sich nicht selten die Gelegenheit, interessante Menschen kennenzulernen und mit diesen faszinierende Gespräche zu führen.

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