Psychogramm des Mobbers – Mobbing-Serie Teil 5

Existiert es überhaupt, das Psychogramm des typischen Mobbers? Man möchte ihn sich so gerne als fieses, intrigantes und rundum unsympathisches Monster vorstellen – quasi mit einem Etikett mit Wiedererkennungseffekt versehen. So wären alle Mitmenschen und Kollegen gewarnt, die unbehelligt und friedfertig ihrer Arbeit nachgehen wollen.

Doch das ist schieres Wunschdenken.
Der typische intrigante Unsympath im Unternehmen trägt solch ein Etikett. Der Platz am Kantinentisch neben ihm bleibt meistens frei bleibt, weil jeder weiß, dass er oder sie sich nicht geniert, Kollegen anzuschwärzen, beiseite zu drängen, sich ihrer Lorbeeren zu bemächtigen: Die Geschädigten ärgern sich, schimpfen und halten Abstand. Der Schaden lässt sich jeweils absehen und oft sogar verhindern.

Doch wie wird ein echter Mobber zum Mobber? Gelegenheit macht Mobbing. Die Situation und die Umstände erzeugen Mobbing. Böse Erfahrungen von der Kindheit bis zum Arbeitsalltag machen Menschen zu Mobbern. Das Betriebsklima führt zu Mobbing. Frustration, Ängste aller Art, Überlastung, wurstige Vorgesetzte, chronische Gefühle der Hilf- und Machtlosigkeit und schiere Existenzangst münden häufig in Mobbing.
Das Gefährliche für die „Opfer“: Es ist schwer, die Anzeichen rechtzeitig zu identifizieren, ausreichende Schutzwälle zu errichten und den nötigen Abstand herzustellen, der das Schlimmste verhindern könnte.

Denn Abstand ist eins der Zauberworte, die – unter Umständen – vor Mobbing bewahren können.
Vorsicht bei allzu großen Vertraulichkeiten. Wer kennt das nicht: Zuweilen tut ein empathischer Zuhörer einfach gut! Da heult einem die Kollegin in der Kaffeepause das Malheur mehrerer unglücklicher Liebschaften in saftigen Details vor und bedarf des Trostes. Den gewährt man gerne, leistet auch noch Beziehungs-Beratung und lässt sich womöglich hinreißen, eigene Erlebnisse zu erzählen.
Kaum vorstellbar, dass die gleiche Person einen zwei Wochen oder zwei Monate später bei Chef und Betriebsrat als faulen Drückeberger oder Schlimmeres hinstellt. Potentielle Mobber tun das ohne Skrupel!
Sie werfen ihre Angel nach verwertbaren „Schwächen“ aus, nach Anekdoten aus dem Leben des Gegenübers sowie nach dessen Arglosigkeit und Gutmütigkeit.
Details aus dem Privatleben gehören daher definitiv nicht in die Öffentlichkeit, nicht in den Job, und nicht auf die Social Media Plattform. Denn Mobber nähren wie billige Wahrsager mit der Glaskugel ihr übles Geschäft mit Informationen, die sie ausschließlich durch mangelnde Vorsicht und Distanz ihrer Gesprächspartner erhalten.

Verlierertypen?

Wer glaubt und häufig erfahren hat, dass Geradlinigkeit nicht zum Ziel führt, wählt den Weg der Lügen und Intrigen. Geschmiedet werden sie bevorzugt aus dem oben erwähnten, vertraulichen Material. Bei wem gelingt das besser als bei neuen, unsicheren, anders, freundlicher und daher schwächer erscheinenden Kollegen?
Wer stets nur nach den Schwächen der anderen sucht, hat oft schon früh die (subjektive) Erfahrung gemacht, dass mit eigener Leistung, mit der eigenen Person, mit positiver Einstellung und Grundvertrauen nichts zu gewinnen ist. Die Welt ist für diese Menschen ein Schlachtfeld – ein Lächeln, Charme, Witz und Empathie, ein verlässliches, freundliches Wort? Zwecklos, wertlos, so schließen Mobber mit ihrem sehr „speziellen“ Erfahrungsfundus. Das oft zitierte „Gesetz der Resonanz“ scheint ihnen immer wieder Recht zu geben. Auch am Ende, wenn ihre destruktiven Machenschaften enthüllt werden und sich ihr eigenes System gegen sie wendet.

Die Welt ist ungerecht

Der typische Mobber empfindet viele Dinge in dieser Welt als extrem ungerecht verteilt, fühlt sich als armes Würstchen, benachteiligt, ist oft von starkem Neid und von Minderwertigkeitskomplexen erfüllt.
Wer sich neuen Aufgabengebieten und Innovationen im Betrieb nicht gewachsen fühlt, wird womöglich danach trachten, Fehler, Verspätungen, Unwissen und Pannen in anderer Leute Schuhe zu schieben.
Wer selbst bereits einmal Mobbing-Opfer war, bei dem sind zudem bestimmte Schlüssel-Reize installiert – wiederholt sich eine Situation auch nur im Ansatz? Drohen nach subjektivem Empfinden erneut Positionsverlust, Niederlage, die Note „Ungenügend“, Bedrängnis? Sofort werden Zähne und Nägel ausgefahren und eingesetzt.
Der typische Mobber schießt die Konkurrenz schon auf halbem Wege aus dem Hinterhalt ab, indem er sich auf deren Schwächen konzentriert. Nicht das eigene Bemühen, sondern allein das Ende der Konkurrenz sichern Erfolg und die Wiederherstellung des Gleichgewichts.
Die angestaute Frustration und Aggression und der verzweifelte Wunsch nach Einfluss lassen dabei allerdings auch keinen Raum für die persönliche Weiterentwicklung, für Fragen, für das Sammeln von Wissen oder auch nur für gesunde Selbstreflektion.

In Betrieben fordert dieser Typus des Mobbers oft mehrere Opfer, doch spätestens nach Ring-Runde Drei sollte Personalverantwortlichen ein Licht aufgehen. Denn das Muster wiederholt sich unabhängig von der Zusammensetzung des Teams wieder und wieder – mit stets der gleichen Person im Epizentrum des Geschehens.

Ein Leben für die Firma

Viele Mobber identifizieren sich stark mit dem Unternehmen, in dem sie arbeiten. Sie empfinden sich selbst als unentbehrlich. Niemand übertrifft sie in ihrer Einsatzfreude und Tüchtigkeit. Sie sehen sich als notwendiges Betriebs-Regulativ, wenn der ach so verblendete Chef mal wieder die Falschen eingestellt hat. Geht das Opfer oder wird es gekündigt, heißt es mit tiefer Befriedigung: „Nun, er/sie hat einfach nicht zu uns gepasst“
Sein/Ihr Büro ist die persönliche „Puppenstube“ – Alles muss hier seinen gewohnten Gang gehen, alles hat seinen festen Platz. Jede winzige Abweichung gefährdet das etablierte Ordnungsprinzip. Am besten, man gibt Neueinsteigern gar keine Chance, etwas umzusortieren, sich einzuarbeiten, sich im Betrieb wohl zu fühlen, Aufgaben auf eigene Art zu lösen. Oder, noch schlimmer, sich womöglich Lorbeeren oder gar die Sympathie von Vorgesetzten zu verdienen! All das gefährdet das eigene Reich und die eigene Position. Zu Hause warten auf diese Menschen oft nur Einsamkeit und Leere – oder unlösbare familiäre Konfliktsituationen. Deswegen ist die Arbeit „ihr Reich“ und das verteidigen sie. Mit dem gesamten verfügbaren Waffenarsenal. Selbst Anerkennung, die zu anderen Kollegen fließt, wird als Ungerechtigkeit und schwere Herabsetzung empfunden.
„Normalen“ Menschen ist es weder bewusst noch begreiflich, was dieser Mobber-Typ insgeheim beständig an Demütigungen erleidet und wovon er sich permanent bedroht fühlt. Das können das Alter, das Geschlecht, der Ausbildungsstand, die Berufserfahrung, der soziale Hintergrund, die Haarfarbe und die Kleidungsvorlieben sein, von Sprechweise, Stimmlage oder Humor ganz zu schweigen. Entsprechend ist es dem Mobbing-Opfer natürlich unmöglich, ihm oder ihr diese Fülle ständiger negativer Schlüsselreize zu ersparen. Die Provokationen geschehen ahnungslos und ungewollt. Das Terrain eines solchen Mobbers ist mit Fettnäpfen gepflastert – die unverhältnismäßige Reaktion in Form eines erbarmungslosen Mobbing-Feldzuges unvermeidbar.

Auf der einen wie auf der anderen Seite sind ein intaktes soziales Umfeld, vielfältige Interessen und eine erfüllte Partnerschaft ein guter Schutz davor, selbst Mobber oder Mobbing-Opfer zu werden. Auch wer sich stark mit seinen beruflichen Aufgaben identifiziert, sollte wissen: Das Leben hat viele Facetten. Jeder Mensch ist sehr viel mehr wert als das Gehalt, das er empfängt. Wer das im Hinterkopf behält, bleibt nicht nur gegen Angriffe immun – sondern auch dagegen, selbst zwanghaft primitivsten Jagdinstinkten frönen zu müssen.

Dazugehören ist alles

Ein Steckenpferd destruktiv und negativ gestimmter Persönlichkeiten ist der Drang, sich unter allen Umständen solidarisieren zu müssen, zu einer Gruppe zu gehören. Daran ist an sich nichts Schlechtes. Abhängig ist das jedoch immer von der Gesellschaft, in die man sich begibt und mit welcher Gattung Wölfe man letztlich heult.
Wir alle kennen den Mechanismus: Jemand ärgert uns, sei es in der Nachbarschaft, im Sportverein oder im Betrieb, oder auch in einer Facebook-Gruppe. Flugs solidarisieren wir uns, indem wir uns mit der oder den Personen kurzschließen, von denen wenig harter Gegenwind zu erwarten ist, stattdessen pflichtet man uns womöglich bei, bedauert uns und empört sich mit uns. Das tut gut, wir fühlen uns wieder verstanden und unterstützt. Häufig wirkt dieser Mechanismus ausgesprochen de-eskalierend, beruhigt die Situation, nimmt Konflikten die Spitze. Ein guter und geschickter Zuhörer „moderiert“ und stellt die Harmonie wieder her.
Doch der gleiche Solidarisierungs-Drang kann auch dazu führen, dass sich ein „Mob“ bildet, der, buchstäblich mit vereinten Kräften, das Mobbing-Opfer systematisch in die Enge treibt. Aufgrund eines kleinen, oft absichtslos begangenen Fehlers gegenüber einem Gruppen-Mitglied wird es nun auf einmal von mehreren Personen „geschnitten“, nicht mehr gegrüßt, wichtige Informationen werden vorenthalten, Aufgaben werden anders verteilt, das Opfer wird systematisch ausgegrenzt. Innerhalb der Mobber-Gruppe erzeugt das einen unverhältnismäßig hohen Grad von Befriedigung, von Macht und Einfluss.
Äußere „Feinde“ stärken die Gruppe im Inneren – dieses Phänomen ist in der Menschheitsgeschichte gut bekannt. Nicht nur Pogrome, Massenmorde, Hexenjagden sind daraus entstanden. Ganze Weltreligionen vermitteln ihren Anhängern ein wohliges Gefühl der Exklusivität. Auch daran ist im Grunde nichts auszusetzen. Nur das ungeheure Gewaltpotential, das da ebenfalls insgeheim unter der friedlichen Oberfläche lauert, darf nicht vergessen werden.

Mangelnde Solidarität

Wer übrigens – aus Angst vor Konflikten – schweigend zusieht, wie Kollegen ausgebootet werden, macht sich mitschuldig. Es mag vordergründig clever und stressfreier sein, sich herauszuhalten und es mag Ärger ersparen, wenn man sich einem „Mob“ nicht entgegenstellt.
Doch wer das Opfer vor Zeugen auflaufen lassen möchte, pokert und gewinnt allzu oft, weil er auf genau diese Feigheit der Zeugen setzt. Stünde auch nur einer von ihnen auf und sagte: „Halt“, wäre die Mobbing-Schlacht mit einem Schlag noch vor ihrem Beginn beendet. Meist hilft es, wenn in einer solchen Situation ein Dritter den Beteiligten wie ein Unparteiischer auf einem Spielfeld je eine verbale Kopfnuss verpasst oder eine rote Karte zeigt. Das ernüchtert und bringt die Kontrahenden buchstäblich wieder „zu sich selbst“, konfrontiert sie direkt mit ihrem Tun und ihrer Reaktion oder Über-Reaktion.
Den Betriebsrat einschalten, selbst auf die Opfer zugehen und ihnen Solidarität und Unterstützung zusagen, Vorgesetzte auf die Beobachtungen ansprechen – es gibt viele Möglichkeiten, von außen zu helfen, noch bevor der Mobbing-Prozess neue Opfer fordert.

ANMERKUNG DER REDAKTION: Macht mit bei unserer Blogparade gegen Mobbing! Schreibt einen Blogartikel zum Thema und verlinkt ihn im Kommentarfeld unter einem unserer Artikel zum Thema Mobbing! Wenn ihr keinen Blog habt, könnt ihr uns auch gerne Artikel schicken! Ruft hier den ersten Teil auf und erfahrt mehr: Blogparade Teil 1.

Liebe Länder, Reisen, Bücher, Natur, Tiere - bin studierte Ethnologin, und seit 3 Jahren Texterin, u. a. für Gesundheits- und Lifestyle-Themen.

3 Gedanken zu „Psychogramm des Mobbers – Mobbing-Serie Teil 5

  1. Klasse Artikel, danke dafür, denn er beleuchtet alle Facetten des Mobbers. Normalerweise müsste an dieser Stelle jeder merken, dass „der Schuss nach hinten losgeht“. Aber leider gibt es auch einige Beratungsresistente, wie mir mein beruflicher Alltag schon vor Jahren ab und an vor Augen geführt hat. Schade drum, denn Mobber haben doch sicher noch andere Fähigkeiten. Nur, so scheint es, fehlt ihnen das Wissen, wie sie anders mit ihren negativen Emotionen umgehen sollten. Gut, wenn sie aus ihren Fehlern lernen können. Selbstreflexion ist dazu unabdingbar.

  2. Danke für die Blümchen. Ja, das kennt man auch von sich selber – dass man sich sagt, hoppla, da hast du dich aber in was verrannt, jetzt beruhige dich mal wieder. Alles halb so schlimm.
    Das Traurige ist beim Mobbing: Das sind keine per se „bösen“ Menschen, sie haben nur temporär aus diversen Gründen einen völlig verzerrten Blick auf die Wirklichkeit, können oder wollen nur Negatives an ihren Mitmenschen sehen, können um keinen Preis zugeben oder es „aushalten“, wenn sie mal in einer Situation im Unrecht sind. Zurückrudern, Ablassen? Nö… schade, Energieaufwand, der besserer Dinge wert wäre.
    Edit, da „unten“ hat jemand einen Spitzenartikel zum Thema „Mobbing verändert die Persönlichkeit“ hinterlassen. Womöglich gelten bzw. bedrohen solche Veränderungen bis zum Tunnelblick nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter? Denkbar… unentrinnbar???

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